Donnerstag, 8. Januar 2015

Je ne suis pas Charlie

Hurra, seit gestern haben wir endlich wieder eine neue Kollektividentität. Wir sind Charlie.
heute sind wir alle Franzosen. Oder wenigstens erschossene französische Karikaturisten. Solidarität jetzt, ein kleines Hashtag reist um die Welt: Ich. Bin. Charlie.

Ich bin nicht Charlie.

Man verstehe mich nicht falsch: Ich finde den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo schockierend, verachtens- und verurteilenswert, ich finde, es gibt keine Rechtfertigung für ein derartiges Verhalten, und den Opfern dieser Greueltat sowie ihren Angehörigen und Freunden gehört mein volles Mitgefühl, aber ich werde dennoch kein Teil dieses neuen Kollektivs und Stéphane Charbonnier und seine Kollegen sind nicht meine Helden, meine Idole oder auch nur Märtyrer für mich. Sie sind die bedauernswerten Opfer eines schrecklichen Anschlags, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ich war kein Freund der Zeitschrift Charlie Hebdo vor diesen Anschlägen und ich weigere mich, sie und ihre Macher nun zu glorifizieren, nur weil ihnen Furchtbares geschehen ist. Denn dieses Blutbad ändert nichts daran, dass ich einen erklecklichen Teil der dort publizierten Karrikaturen abstoßend, anstößig und geschmacklos fand und finde und dass ich dieses Maß an antiklerikaler Hetze und Gehässigkeit als bewusste Beleidigung und Verletzung religiöser Gefühle unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit betrachte.

Nein, das rechtfertigt nicht, unter keinen Umständen, sein Missfallen mit (Waffen-)Gewalt auszudrücken, das will ich damit keinesfalls gesagt haben. Egal, wie wenig einem etwas gefällt, Gewalt und Terror dürfen nicht die Antwort darauf sein.

Ich bin ein großer Fan von Meinungsfreiheit, Meinungsfreiheit ist toll und deshalb sollte jeder das Recht haben, das zu glauben, zu sagen und zu zeichnen, was für ihn richtig erscheint. Wir sind subjektive Wesen und es sollte uns zustehen, die Realität auf unsere subjektive Art zu rezipieren und zu kommentieren, aber in eben dieser Subjektivität nehme ich mir auch eine Freiheit, die ebenfalls jedem zustehen sollte, nicht jede Perzeption zu bejubeln und nicht jede Meinung zu mögen.
Und ich mag die Weltsicht von Charlie Hebdo nicht und auch nicht die große Welle der Identifizierung, die nun durch die Lande rollt, denn ich finde sie doppelmoralisch. Es sterben jeden Tag haufenweise Menschen als Opfer von Terror und Gewalt und niemand identifiziert sich mit ihnen. Sie sterben einfach, werden erschossen, gemetzelt, geschlagen, vergewaltigt, verbrannt und gekreuzigt und niemand schreit "Ich bin koptischer Christ", "Wir sind Jesiden" oder "Wir sind die Kinder von Utoya".
Aber nun sind zwölf Menschen tot und plötzlich sind wir alle Charlie?

Wer werden wir wohl nächste Woche sein?

Kommentare:

Geistbraus hat gesagt…

Danke! Selbst wenn man die Karikaturen von Charlie Hebdo toll fände, wäre diese plötzliche Nötigung zum wohligen Kollektiv Grund genug für die Je-ne-suis-pas-Headline. Ich verspüre in solchen Situationen auch immer den unwiderstehlichen Drang da reinzugrätschen.

lila hat gesagt…

Dito! Ein Beitrag, der mir vollkommen aus dem Herzen spricht.

Madse hat gesagt…

Geht mir genauso. Dieses Magazin gab es für mich vor dem Anschlag nicht und jetzt soll ich Charlie sein?

Diese unreflektierte, massenhafte Solidarisierung um des Effektes willen lehne ich ab.

Fuchsi hat gesagt…

Danke, ihr Lieben!
Ich finde es doch ganz schön, nicht völlig allein mit meiner Weltsicht da zu stehen.
Und da man bekanntermaßen Menschen, die einer Meinung mit einem selbst sind, für besonders intelligent hält, freue ich mich sehr, so kluge Leser zu haben. :)